Ostsee-Zeitung: Die Bevölkerung steht unter Schock

Bürgerinitiative Lassaner Winkel

Ostsee-Zeitung berichtet am 5. Mai 2018: Margarete Groschupf, Schriftstellerin und Journalistin

“Die Landschaft hier zwischen Pulow und Papendorf und Klein Jasedow und Lassan ist anders, es sind schlängelige Wege, schlechte Straßen, die schöne Bäume haben rechts und links, Obstbäume, wo jeder im Herbst ernten gehen kann. Die Querstraße ist eine romantische Allee mit Kopfsteinpflaster. Es ist eine ganz andere Szenerie, es ist diese stehengebliebene Zeit hier in Ostvorpommern, für die wir gekommen sind, diese selbstverständliche Freundlichkeit in den Edeka-Läden am Markt in Lassan, der familiäre Frieden, den wir ein bisschen suchen, weil wir ihn woanders verloren haben.

Der Lassaner Winkel ist ein besonderes Soziotop, etliche Broschüren dokumentieren die Vielzahl von Kunsthandwerkern und Physiotherapeuten, ein spezielles Wissen lebt hier über Gesundheit und Ganzheitlichkeit. Das lockt auch besondere Urlauber an.

Auf der Kreistagssitzung in Pasewalk im vergangenen Sommer war es deutlich zu merken, dass die Politiker stolz sind auf diesen Winkel, dieses Bunte, das man nicht so richtig in Worte fassen kann: plötzlich eine avantgardistische Bewegung, die man kaum woanders so geballt findet, ein psychologisch-ökologisches Wissen schwebt im Raum und kommuniziert sich, hat die Dörfer zum Wachsen gebracht. Junge Leute in bunten Klamotten, ein bisschen Toleranz braucht man vielleicht manchmal, aber einen Rasta-Zopf hat in Lassan auch die Pastorin. Ja, ein buntes Volk hat sich professionell etabliert und macht Menschen überregional neugierig. Der Puls der Zeit schlägt hier sanft und verwirklicht eine Utopie des natürlichen Lebens, des Lebens mit der Natur, der Wertschätzung der Natur. Es geht viel mehr um Integration und Bewahrung als um Aussteigertum.

Der Streit um das Güllesilo im letzten Jahr hat die Stadt erschlagen. 1700 Unterschriften, alle haben unterschrieben, alle waren aufgebracht, empört, die Heimatliebe wurde spürbar in so einer Selbstverständlichkeit, dass die Stadt eigentlich vereint war. Auch der Bürgermeister war glücklich, als sich bei einer Versammlung in der Turnhalle eine Möglichkeit zeigte, dem Güllesilo zu entkommen. Wer möchte schon, dass es hier mal stinkt? Die Stadt hat das gemeindliche Einvernehmen nicht erteilt. Ein Schritt war geschafft.

Aber dann kam der Landkreis und war stärker. Der Kampf hätte weitergehen müssen, die Bürgermeister aus Wolgast und Anklam forderten Fred Gransow auf, gegen den Landkreis zu klagen. Das tat er nicht. Daher die Baufahrzeuge.

Die Bevölkerung steht nun unter Schock. Es ist wie ein gebrochenes Verhältnis, ein zerstörtes Vertrauen. Das Unvorstellbare soll Wirklichkeit werden, im Entsetzen einen sich nun alle, konventionelle und unkonventionelle Menschen. Verstehen tut niemand mehr etwas, die Bürgerinitiative „Kein Güllelager im Lassaner Winkel“ hat geklagt, die Klage wird nicht bearbeitet, alles schleift, die Ämter geben keine Auskunft. Die Welt der Politik scheint eine Nebelzone, man sieht die Hand vor Augen nicht, es geht nicht mit rechten Dingen zu. Dieser Eindruck steht so stark im Raum, gemunkelt wird viel, wer hier schon lange lebt, winkt ab: sind alle geschmiert, bestochen? Die Landrätin Syrbe und viele andere? Es kann einfach nicht sein, die Rechtslage ist völlig klar, der Flächennutzungsplan gibt ja dem Tourismus Vorrang. Was ist hier eigentlich los? Mir wurde erklärt, es sind die Strukturen der Vergangenheit, des Feudalismus. Es gibt heute den Agrarindustriellen Phillip Kowollik, ihm gehört fast die ganze Ackerfläche, er pflügt die Wege über, wenn es für die großen Fahrzeuge günstiger ist, er verfügt über Wiesen und Äcker, und er tut, was ihm gefällt. Ihm wird nicht widersprochen, die finanzielle Abhängigkeit ist zu groß. So funktioniert Mecklenburg-Vorpommern. Ich habe Angst.”